Nachhaltige Stadtlogistik mit elektrischen Fahrzeugen und Lastenrädern in deutscher Innenstadt
Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die emissionsfreie Stadtlogistik wird profitabel, wenn sie nicht als Kostenfaktor, sondern als strategische Orchestrierung von Effizienzhebeln verstanden wird.

  • Die Gesamtkosten (TCO) von E-Lastenrädern unterbieten Diesel-Transporter in Innenstädten deutlich, trotz höherer Anschaffungskosten.
  • Regulatorische Hürden wie Lärmschutzgesetze und die CO2-Steuer werden durch intelligente Planung zu Wettbewerbsvorteilen.

Empfehlung: Analysieren Sie Ihre Logistikkette nicht nach Einzelfahrzeugen, sondern als ein Ökosystem, in dem ungenutzte Ressourcen (Leerstand, Nachtzeiten, Verpackungsluft) die grössten Gewinnmargen bergen.

Die Forderung nach einer emissionsfreien Belieferung deutscher Innenstädte stellt Logistikunternehmen und Online-Händler vor ein scheinbar unlösbares Dilemma. Auf der einen Seite stehen die Kommunen mit Fahrverboten und Umweltzonen. Auf der anderen Seite erwarten Kunden eine immer schnellere, möglichst kostenlose Zustellung. Die gängigen Antworten klingen oft nach teuren Kompromissen: die Anschaffung von E-Transportern, der Aufbau neuer Infrastruktur oder der Einsatz von Lastenrädern. Diese Ansätze kratzen jedoch nur an der Oberfläche eines vielschichtigen Problems und lassen die entscheidende Frage offen: Wie kann diese Transformation gelingen, ohne die Betriebskosten und damit die Paketpreise in die Höhe zu treiben?

Viele Strategien fokussieren sich isoliert auf die Fahrzeugtechnologie. Doch der Schlüssel liegt nicht allein im Austausch eines Diesel-Motors durch eine Batterie. Die wahre Herausforderung – und die grösste Chance – liegt in der Neukonzeption des gesamten logistischen Ökosystems der letzten Meile. Es geht darum, scheinbare Nachteile in strategische Vorteile umzuwandeln und bisher übersehene Ressourcen zu aktivieren. Die eigentliche Revolution findet nicht auf der Strasse statt, sondern in der intelligenten Verknüpfung von Fahrzeugen, Immobilien, Daten und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Aber was, wenn die Lösung nicht darin besteht, einfach nur teurere, saubere Fahrzeuge zu kaufen, sondern darin, das System so zu optimieren, dass weniger und effizientere Fahrten nötig sind? Was, wenn ein leerstehendes Ladenlokal wertvoller ist als ein Parkplatz am Stadtrand und die gesetzliche Lärmschutzpause zum grössten Effizienztreiber werden kann? Dieser Artikel beleuchtet die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit hinter der ökologischen Wende und zeigt praxiserprobte Konzepte auf, die beweisen: Emissionsfreie Stadtlogistik muss nicht teuer sein – sie kann sogar profitabler werden. Wir werden die Hebel von der Fahrzeugwahl über die Lagerhaltung bis hin zur Verpackungs- und Gesetzeslage analysieren.

Um diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, haben wir die entscheidenden Faktoren in acht Kernbereiche unterteilt. Der folgende Überblick führt Sie durch die strategischen Bausteine einer zukunftsfähigen und wirtschaftlichen Stadtlogistik.

Warum schafft das Cargo-Bike im Stau mehr Pakete als der Diesel-Transporter?

Die Effizienz eines Lieferfahrzeugs in der Innenstadt bemisst sich nicht an seiner maximalen Ladekapazität, sondern an seiner operativen Geschwindigkeit von Tür zu Tür. Hier entfaltet das E-Lastenrad seinen entscheidenden Vorteil gegenüber dem konventionellen Diesel-Transporter. Während der Transporter im dichten Stadtverkehr und bei der Parkplatzsuche wertvolle Zeit verliert, navigiert das Cargo-Bike flexibel durch Engstellen, nutzt Radwege und parkt direkt vor dem Hauseingang. Diese Agilitätsvorteile führen in der Praxis dazu, dass ein Lastenradfahrer pro Stunde oft mehr Stopps schafft als sein Kollege im Transporter, obwohl er pro Fahrt weniger Pakete transportiert.

Die betriebswirtschaftliche Betrachtung untermauert diese Überlegenheit. Eine reine Fokussierung auf den Anschaffungspreis ist irreführend. Die Total Cost of Ownership (TCO), also die Gesamtkosten über die Lebensdauer, zeichnen ein klares Bild. Geringere Wartungs-, Energie- und Versicherungskosten sowie der komplette Wegfall von Parkgebühren und Strafzetteln machen das E-Lastenrad zu einer hochrentablen Investition. Grosse Logistikunternehmen wie UPS haben dieses Potenzial längst erkannt. Der Konzern, der bereits 2012 in Hamburg erste Tests durchführte, hat seine Flotte konsequent ausgebaut und betreibt heute in über 30 Städten weltweit, darunter zahlreiche in Deutschland, Flotten von Lastenrädern zur Entlastung des Innenstadtverkehrs.

Die folgende Gegenüberstellung zeigt, wie sich die Kostenstruktur fundamental unterscheidet und warum sich die Investition in ein E-Lastenrad oft schon nach weniger als zwei Jahren amortisiert, wie eine Analyse der Gesamtkosten zeigt.

TCO-Vergleich: Cargo-Bike vs. Diesel-Transporter in deutschen Innenstädten
Kostenart E-Lastenrad Diesel-Transporter
Anschaffung (mit BAFA-Förderung) 2.500-4.000 € 25.000-35.000 €
Wartung/Jahr 300-500 € 2.000-3.000 €
Energie/100km 0,50 € (Strom) 12-15 € (Diesel)
Parkgebühren/Jahr 0 € 2.400-3.600 €
Strafzettel (Ø/Jahr) 0 € 800-1.200 €
Amortisation 18-24 Monate 48-60 Monate

Die Entscheidung für das Cargo-Bike ist somit keine rein ökologische, sondern eine fundierte strategische Entscheidung zur Steigerung der Effizienz und Senkung der operativen Kosten auf der letzten Meile.

Container oder Ladenleerstand: Wo lagern Sie Pakete für die Feinverteilung zwischen?

Die Effektivität von Lastenrädern hängt direkt von der Existenz dezentraler Umschlagpunkte ab: den sogenannten Mikro-Hubs oder City-Hubs. Von diesen kleinen Lagern im Herzen der Zustellgebiete aus starten die Kuriere ihre Touren. Die klassische Lösung hierfür sind mobile Container, die über Nacht auf öffentlichen Parkflächen abgestellt werden. Doch dieser Ansatz stösst zunehmend auf regulatorische Hürden und Akzeptanzprobleme bei Anwohnern. Eine weitaus intelligentere und nachhaltigere Strategie liegt in der Aktivierung einer oft übersehenen Ressource: dem strukturellen Ladenleerstand in deutschen Innenstädten.

Die Umnutzung von leerstehenden Einzelhandelsflächen zu Mikro-Hubs bietet ein enormes Potenzial. Diese Flächen sind bereits vorhanden, perfekt an die städtische Infrastruktur angebunden und verursachen keine zusätzliche Flächenversiegelung. Für Logistikunternehmen bedeutet dies planbare, wettergeschützte und sichere Standorte mit vorhandener Infrastruktur wie Strom und Sanitäranlagen. Für Immobilieneigentümer eröffnet sich ein neues Geschäftsfeld, das langfristige Mieteinnahmen generiert und zur Wiederbelebung von Erdgeschosszonen beiträgt. Dieser Ansatz verwandelt ein städtebauliches Problem – den Leerstand – in einen zentralen Baustein der emissionsfreien Logistiklösung.

Die Transformation vom verwaisten Geschäft zum pulsierenden Logistikknotenpunkt ist ein Paradebeispiel für eine Win-Win-Situation. Kommunen profitieren von einer Reduzierung des Lieferverkehrs mit schweren LKW in den Kernzonen und einer Aufwertung des Stadtbildes. Logistiker gewinnen an operativer Effizienz und Zuverlässigkeit. Die erfolgreiche Implementierung solcher Konzepte erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Immobilieneigentümern und Logistikdienstleistern, um Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und Anreize für die Umnutzung zu schaffen.

Lärmschutz oder Effizienz: Wann dürfen E-LKW die Supermärkte beliefern?

Während Lastenräder die Feinverteilung übernehmen, bleiben E-LKW für die Belieferung von Supermärkten oder die Bestückung von Mikro-Hubs unerlässlich. Ihr grösster betrieblicher Vorteil gegenüber Diesel-LKW ist nicht nur die Emissionsfreiheit, sondern ihre geringe Lärmbelastung. Genau dieser Punkt wird zum entscheidenden Hebel, um eine der grössten Effizienzhürden in der Stadtlogistik zu überwinden: die Einschränkungen der Lieferzeiten durch Lärmschutzverordnungen. Nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) sind Nachtanlieferungen in Wohngebieten für laute Diesel-LKW in der Regel tabu.

Leise E-LKW können jedoch Ausnahmegenehmigungen für die Belieferung in den verkehrsarmen Nacht- oder frühen Morgenstunden erhalten. Dies ermöglicht es, die Filialen ausserhalb der Stosszeiten zu versorgen, was die Tourenplanung massiv optimiert und die Effizienz steigert. Das Fahrzeug steht tagsüber nicht im Stau und die Mitarbeiter im Supermarkt können die Waren vor Ladenöffnung in Ruhe verräumen. Der Einzelhändler Kaufland demonstriert diesen Vorteil bereits in der Praxis, wie eine Fallstudie zum Einsatz des Mercedes eActros zeigt. Durch die leisen Nachtlieferungen werden nicht nur Anwohner entlastet, sondern auch jährlich erhebliche Mengen an CO2 eingespart.

Die Erlangung solcher Genehmigungen ist jedoch kein Selbstläufer, sondern erfordert eine proaktive und strategische Vorgehensweise. Es geht darum, den regulatorischen Rahmen nicht als Hindernis, sondern als Gestaltungsspielraum zu begreifen. Eine transparente Kommunikation mit den Behörden und Anwohnern ist dabei ebenso entscheidend wie der technische Nachweis der Lärmreduktion.

Aktionsplan: Erfolgreiche Nachtbelieferung mit E-LKW

  1. Lärmemissionen der E-LKW durch schalltechnische Messungen präzise dokumentieren, um eine fundierte Datengrundlage zu schaffen.
  2. Ausnahmegenehmigungen bei den zuständigen Kommunalbehörden proaktiv beantragen, unter explizitem Verweis auf die Vorteile gemäss BImSchG.
  3. Eine offene Kommunikationsstrategie mit Anwohnern initiieren, um über die Vorteile der Lärmreduktion aufzuklären und Akzeptanz zu fördern.
  4. Zeitlich begrenzte Pilotprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung und klar definierten Evaluationskriterien starten, um die positiven Effekte zu belegen.
  5. Die Ergebnisse des Pilotprojekts transparent kommunizieren, um eine dauerhafte Genehmigung zu erwirken und das Modell auf weitere Standorte auszuweiten.

Durch diesen strukturierten Prozess wird aus einer rechtlichen Einschränkung ein exklusiver Wettbewerbsvorteil, der nur mit leisen Elektrofahrzeugen realisierbar ist.

Der Fehler, Luft in Kartons zu transportieren, der LKW-Kapazitäten frisst

Einer der grössten, aber am häufigsten übersehenen Effizienzkiller in der Logistik ist das Transportieren von Leervolumen. Pakete, die zu 40-60 % mit Luft und Füllmaterial gefüllt sind, verschwenden wertvollen Laderaum, erhöhen den Materialverbrauch und treiben die Transportkosten pro Sendung unnötig in die Höhe. Jeder Kubikmeter Luft, der im LKW transportiert wird, ist ein Kubikmeter, der nicht für ein weiteres Paket zur Verfügung steht. Dies führt direkt zu einer geringeren Auslastung der Fahrzeuge und somit zu mehr Fahrten, mehr Verkehr und mehr Emissionen.

Die Lösung liegt in intelligenten Verpackungsstrategien wie „Packaging-on-Demand“. Dabei wird für jeden Artikel eine passgenaue Verpackung in Echtzeit erstellt. Moderne Maschinen schneiden und falten Kartonagen exakt nach den Abmessungen des Produkts. Dadurch wird das Leervolumen auf ein Minimum von 5-10 % reduziert und Füllmaterialien werden nahezu überflüssig. Der Effekt ist enorm: Die LKW-Auslastung steigt signifikant an, da die Pakete dichter und effizienter gestapelt werden können. Dies führt zu einer direkten Reduzierung der benötigten Touren für das gleiche Paketvolumen.

Diese Optimierung auf der Mikroebene des einzelnen Pakets hat einen massiven makroökonomischen Hebel. Eine um 25 % höhere LKW-Auslastung bedeutet, dass vier LKW die Arbeit von fünf erledigen können. Für die Stadtlogistik ist dies ein entscheidender Faktor. Weniger LKW-Fahrten in die Innenstädte zur Belieferung der Mikro-Hubs bedeuten weniger Stau, weniger Emissionen und geringere operative Kosten. Die Investition in automatisierte Verpackungstechnologie amortisiert sich somit nicht nur durch Materialeinsparungen, sondern vor allem durch die gesteigerte Effizienz der gesamten Transportkette.

Wann reicht die Batterie für die Tagestour im Winter?

Eine der hartnäckigsten Sorgen bei der Umstellung auf E-Nutzfahrzeuge ist die Frage der Reichweite, insbesondere unter anspruchsvollen Bedingungen wie im Winter. Kalte Temperaturen reduzieren die Akkuleistung, während Heizung und Beleuchtung zusätzliche Energie verbrauchen. Viele Logistikplaner befürchten, dass die Fahrzeuge ihre geplante Tagestour nicht schaffen und der operative Betrieb zusammenbricht. Diese Sorge ist verständlich, basiert aber oft auf veralteten Annahmen und ignoriert die rasanten technologischen Fortschritte sowie die spezifischen Anforderungen der Stadtlogistik.

Die typische Tagestour eines Paketzustellers in einem urbanen Raum ist oft kürzer als 100 Kilometer. Die Fahrzeuge stehen häufig, während Pakete zugestellt werden, und die Geschwindigkeiten sind moderat. Moderne E-Transporter sind genau für dieses Anforderungsprofil ausgelegt. Innovative Antriebssysteme, wie sie beispielsweise von BPW entwickelt werden, sind darauf optimiert, auch unter schwierigen Bedingungen eine hohe Effizienz zu gewährleisten. So ermöglicht die eTransport-Antriebsachse von BPW beispielsweise bis zu 100 Kilometer Reichweite auch bei Winterbedingungen. Diese Reichweite ist für die überwiegende Mehrheit der städtischen Liefertouren vollkommen ausreichend.

Der Schlüssel liegt in einer intelligenten Touren- und Ladeplanung. Anstatt auf maximale Reichweite zu setzen, sollte der Fokus auf einer bedarfsgerechten Ladeinfrastruktur an den Depots und Mikro-Hubs liegen. Über Nacht können die Fahrzeuge vollständig geladen werden. Kurze Zwischenladezeiten während der Sortierpausen am Hub können die Reichweite bei Bedarf verlängern (sog. „Opportunity Charging“). Zudem ermöglicht eine präzise Telematik die Überwachung des Batteriestatus in Echtzeit und eine dynamische Anpassung der Tourenplanung, falls unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Die Frage ist also nicht, ob die Batterie reicht, sondern wie das Lade- und Flottenmanagement intelligent gestaltet wird.

E-Scooter oder Faltrad: Was überbrückt den Weg vom Bahnhof zum Büro schneller?

Die Optimierung der letzten Meile endet nicht bei der Paketzustellung. Sie umfasst auch die Mobilität der Mitarbeiter selbst. In einer multimodal organisierten Logistikkette, in der Mikro-Hubs via ÖPNV erreichbar sind, stellt sich die Frage: Wie überbrücken die Kuriere schnell und effizient den Weg vom S-Bahnhof zum Depot? Hier kommen Lösungen der persönlichen Mikromobilität ins Spiel. E-Scooter und Falträder sind nicht nur Lifestyle-Produkte, sondern ernstzunehmende Werkzeuge zur Steigerung der operativen Flexibilität.

Ein Mitarbeiter, der mit einem Faltrad oder E-Scooter aus der Bahn steigt, ist in wenigen Minuten am Hub und kann seine Auslieferungstour mit dem Lastenrad beginnen. Diese Unabhängigkeit vom Auto für den Arbeitsweg reduziert nicht nur den CO2-Fussabdruck des Unternehmens weiter, sondern erschliesst auch einen grösseren Pool an potenziellen Mitarbeitern. Die Anforderung eines Führerscheins entfällt, was in Zeiten des Fachkräftemangels ein entscheidender Vorteil ist. Unternehmen wie Flink oder Gorillas haben dieses Modell perfektioniert: Ihre Kuriere sind oft mit privaten oder vom Unternehmen gestellten E-Bikes oder Scootern unterwegs, was ihnen maximale Agilität im urbanen Raum verleiht.

Die Integration dieser Mikromobilitätslösungen erfordert ein Umdenken im Personal- und Flottenmanagement. Es geht darum, sichere Abstell- und Lademöglichkeiten am Hub zu schaffen, Mitarbeiter im sicheren Umgang mit den Geräten zu schulen und multimodale Anreisemodelle (z.B. Jobticket plus Scooter-Leasing) zu fördern. Die Investition in diese „Zubringer-Flotte“ zahlt sich durch motiviertere Mitarbeiter, eine höhere operative Flexibilität und eine stärkere Positionierung als nachhaltiger Arbeitgeber aus. Es schliesst die letzte Lücke in einem vollständig emissionsfreien und effizienten Logistik-Ökosystem.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Profitabilität emissionsfreier Logistik hängt nicht vom Fahrzeugkaufpreis, sondern von den Gesamtkosten (TCO) und der operativen Agilität ab.
  • Regulatorische Rahmenbedingungen (Lärmschutz, CO2-Preis) sind keine Hindernisse, sondern strategische Hebel für Wettbewerbsvorteile durch E-Fahrzeuge.
  • Die grössten Effizienzgewinne liegen in oft übersehenen „Assets“ wie der Reduzierung von Verpackungsluft, der Nutzung von Ladenleerständen und der Optimierung von Lieferzeitfenstern.

Der Fehler, steigende CO2-Steuern nicht in die Kalkulation einzubeziehen

Viele Unternehmen betrachten die Umstellung auf E-Mobilität primär durch die Brille der aktuellen Kraftstoff- und Anschaffungskosten. Dieser Ansatz ist kurzsichtig und ignoriert den grössten finanziellen Treiber der kommenden Jahre: den politisch gewollten und gesetzlich verankerten Anstieg der CO2-Kosten. Der nationale CO2-Preis in Deutschland und die Ausweitung des EU-Emissionshandels (ETS 2) auf den Verkehr ab 2027 werden die Betriebskosten für Diesel-Transporter systematisch und planbar verteuern.

Wer heute noch in eine neue Diesel-Flotte investiert, tätigt eine Wette gegen die Klimapolitik – eine Wette, die kaum zu gewinnen ist. Die Nicht-Einbeziehung dieser absehbaren Kostensteigerungen in die TCO-Kalkulation ist ein strategischer Fehler, der die Wettbewerbsfähigkeit in wenigen Jahren massiv gefährden kann. Jeder Liter Diesel wird teurer, und dieser Kostenanstieg lässt sich nicht vollständig auf die Kunden umlegen, ohne Marktanteile zu verlieren. Gleichzeitig zeigen Studien, dass durch den Einsatz elektrischer Lieferfahrzeuge bis zu 24% der Emissionen auf der letzten Meile eingespart werden könnten, was die finanzielle Attraktivität weiter steigert.

Die folgende Prognose, basierend auf den Plänen der Bundesregierung und der EU, verdeutlicht die sich dramatisch verschiebende Kostenstruktur. Der Kostenvorteil des E-Transporters wird von Jahr zu Jahr grösser, wie eine Analyse der Kostenentwicklung aufzeigt.

Kostenentwicklung Diesel vs. E-Transporter mit CO2-Preis
Jahr CO2-Preis/t Mehrkosten Diesel/100km E-Transporter Vorteil
2024 45 € 1,35 € Basis
2025 55 € 1,65 € +22%
2026 65 € 1,95 € +44%
2027 (ETS 2) 80-120 € 2,40-3,60 € +78-167%

Die Umstellung auf eine emissionsfreie Flotte ist somit keine Frage des „Ob“, sondern des „Wann“. Je früher die strategische Neuausrichtung erfolgt, desto grösser ist der wirtschaftliche Vorteil und desto besser ist das Unternehmen gegen die unvermeidlichen Preisschocks bei fossilen Brennstoffen abgesichert.

Wie stellen Sie Ihre Produktion auf Kreislaufwirtschaft um, ohne die Profitabilität zu gefährden?

Eine wirklich nachhaltige Stadtlogistik endet nicht mit der emissionsfreien Zustellung. Der logische und wirtschaftlich zwingende nächste Schritt ist die Integration der Reverse Logistik in ein umfassendes System der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy). Es geht darum, nicht nur Pakete zum Kunden zu bringen, sondern auch Verpackungen, Retouren und Altprodukte effizient zurückzuführen. Jede Fahrt, die nur in eine Richtung voll beladen ist, ist eine halb genutzte Ressource. Die Kreislaufwirtschaft bietet die Chance, auch die Rückfahrten profitabel zu gestalten.

Dieses Konzept erfordert angepasste Logistikmodelle. Wie Dr.-Ing. Arkadius Schier vom Fraunhofer IML betont, müssen wir Logistikkonzepte entwickeln, die „ausgediente und defekte Produkte und Materialien nach deren Nutzung auf höchstmöglicher Wertschöpfungsstufe halten“. Das Lastenrad, das morgens Pakete ausliefert, kann nachmittags leere Transportboxen, aufbereitungsfähige Retouren oder Wertstoffe aus dem Einzelhandel einsammeln. Der Mikro-Hub wird so nicht nur zum Umschlagpunkt für neue Waren, sondern auch zum Sammelpunkt für den Wertstoffkreislauf. Dieser Ansatz hat enormes Potenzial: Laut Professor Ralf Bogdanski von der TH Nürnberg könnten Mikrodepots und Lastenräder 30 Prozent der Sendungen im urbanen Raum übernehmen, was auch für die Rückführung gilt.

Dass dieses Modell nicht nur Theorie ist, beweisen junge Unternehmen wie Urban Cargo in Berlin. Das Startup setzt konsequent auf eine abgasfreie Zustellung mit E-Lastenrädern und kleinen E-Lieferwagen und integriert bereits Reverse-Logistik-Dienstleistungen. Es zeigt, dass ein nachhaltiges Geschäftsmodell von Anfang an profitabel sein kann. Die Profitabilität entsteht durch die maximale Auslastung der Fahrzeuge, die Schaffung neuer Dienstleistungsangebote (z.B. Wertstoffabholung) und eine starke Markenpositionierung, die umweltbewusste Kunden und Mitarbeiter anzieht. Die Kreislaufwirtschaft ist damit nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern der Schlüssel zur langfristigen Profitabilität und Resilienz in der modernen Stadtlogistik.

Die Transformation hin zu einem zirkulären Modell ist die Königsdisziplin. Um sie zu meistern, ist es entscheidend, die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft auf die eigene Logistikkette anzuwenden.

Die Implementierung einer profitablen und emissionsfreien Stadtlogistik ist eine komplexe, aber lösbare Aufgabe. Sie erfordert eine strategische Analyse Ihrer spezifischen Abläufe und die Bereitschaft, traditionelle Logistikkonzepte zu hinterfragen. Beginnen Sie jetzt damit, die vorgestellten Hebel auf Ihr Geschäftsmodell anzuwenden, um sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für die Zukunft zu sichern.

Geschrieben von Leonie Klein, Leonie Klein ist Verkehrsingenieurin und Beraterin für Smart City Konzepte mit einem Master der TU Dresden. Sie beschäftigt sich seit über 8 Jahren mit der Integration neuer Mobilitätsformen wie E-Scootern, Carsharing und autonomen Fahrzeugen in den städtischen Raum. Ihr Fokus liegt auf nutzerzentrierten und ökologischen Verkehrslösungen.