Ride-Pooling-Fahrzeug in der Vorstadt mit niedriger Nachfragedichte
Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Wirtschaftlichkeit von Ride-Pooling in der Peripherie ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer präzisen Kalibrierung von Service-Qualität und Betriebskosten.

  • Der Erfolg hängt von der strategischen Positionierung des Preises zwischen dem günstigen ÖPNV und dem flexiblen Taxi ab.
  • Die Gestaltung der Service-Parameter, wie akzeptable Umwege und Taktfrequenzen, ist entscheidend für die Kundenakzeptanz und die Kosteneffizienz.
  • Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) bietet einen regulatorischen Korridor, der Innovation ermöglicht, statt sie nur zu begrenzen.

Empfehlung: Statt ein Allheilmittel zu suchen, müssen Planer On-Demand-Verkehre als spezialisiertes Werkzeug verstehen, das eine klar definierte Lücke im Mobilitätsmix füllt.

Die Vision klingt verlockend: Auf Knopfdruck erscheint ein Fahrzeug, das Fahrgäste mit ähnlichen Routen bündelt und sie komfortabel an ihr Ziel bringt. Ride-Pooling-Dienste wie MOIA versprachen, die Lücke zwischen dem starren Linienbus und dem teuren Taxi zu schliessen. Doch die Realität in deutschen Vorstädten und ländlichen Gebieten ist ernüchternd. Zahlreiche Anbieter haben den Betrieb eingestellt oder kämpfen mit der Rentabilität. Die oft genannten Gründe – hohe Betriebskosten durch Personal und Fahrzeuge sowie eine geringe Nachfragedichte – sind zwar korrekt, kratzen aber nur an der Oberfläche des Problems.

Für Städteplaner und Mobilitätsanbieter, die zukunftsfähige On-Demand-Verkehre etablieren wollen, reicht diese oberflächliche Analyse nicht aus. Das Scheitern ist oft nicht dem Konzept selbst geschuldet, sondern einer mangelnden Feinabstimmung der entscheidenden Parameter. Die wahre Herausforderung liegt in der strategischen Kalibrierung des Systems. Es geht nicht darum, ob Ride-Pooling funktioniert, sondern darum, unter welchen Bedingungen es wirtschaftlich und für den Nutzer attraktiv sein kann. Die Kunst besteht darin, einen Kompromiss zu finden, der für den Betreiber finanzierbar und für den Fahrgast eine echte Alternative darstellt.

Dieser Artikel bricht mit der einfachen Problembeschreibung und taucht tief in die Stellschrauben ein, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wir analysieren die kritischen Abwägungen bei der Routenplanung, die Fallstricke der Preisgestaltung, die Rolle der Sicherheit, die Anforderungen an die Barrierefreiheit und die rechtlichen Rahmenbedingungen. Ziel ist es, ein analytisches Rüstzeug zu vermitteln, um On-Demand-Verkehre nicht als Glücksspiel, sondern als präzise steuerbares Instrument der modernen Mobilitätsplanung zu verstehen.

Um die komplexen Zusammenhänge und strategischen Entscheidungen zu beleuchten, die für die erfolgreiche Implementierung von Ride-Pooling-Diensten erforderlich sind, gliedert sich dieser Artikel in mehrere Kernbereiche. Der folgende Überblick führt Sie durch die entscheidenden Fragestellungen, von der operativen Routenplanung bis hin zu regulatorischen und wirtschaftlichen Aspekten.

Wie verhindern Sie, dass Fahrgäste 20 Minuten Umweg fahren müssen?

Das Kernversprechen des Ride-Poolings ist Effizienz durch Bündelung. Doch diese Effizienz hat einen Preis für den Fahrgast: den Umweg. Die zentrale operative Herausforderung für jeden Anbieter ist das Management dieses Service-Level-Dilemmas. Einerseits muss der Algorithmus genügend Fahrgäste mit überlappenden Routen finden, um eine hohe Auslastung zu erzielen. Andererseits darf der dadurch entstehende Umweg für den Einzelnen nicht so gross werden, dass der Service unattraktiv wird. Ein Umweg von 20 Minuten für eine ursprünglich 15-minütige Fahrt ist für die meisten Nutzer inakzeptabel und treibt sie zurück zum Taxi oder zum eigenen Auto.

Die erfolgreiche Lösung liegt in der dynamischen und intelligenten Steuerung der Pooling-Aggressivität. Moderne Algorithmen können in Echtzeit entscheiden, wie stark sie bündeln. In Zeiten hoher Nachfrage können sie restriktiver sein und nur Fahrten mit minimalen Umwegen zusammenlegen. In Schwachlastzeiten müssen sie eventuell grössere Umwege in Kauf nehmen oder sogar auf das Poolen verzichten und als reiner Ride-Hailing-Dienst agieren, um überhaupt ein Angebot aufrechtzuerhalten. Die Akzeptanz hängt stark vom Kontext ab: Ein kleiner Umweg auf dem Weg zur Arbeit wird kritischer gesehen als auf einer Freizeitfahrt am Wochenende.

Die Daten aus der Praxis liefern hierzu klare Benchmarks. Eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zu MOIA in Hamburg zeigt, dass Fahrgäste durchschnittlich einen Umweg von etwa 25% im Vergleich zu einer Direktfahrt in Kauf nehmen. Dies ist ein entscheidender Wert für die Systemkalibrierung. Überschreitet der durchschnittliche Umweg diese Schwelle signifikant, droht ein Verlust der Kundenzufriedenheit. Die Kunst ist es also nicht, Umwege komplett zu vermeiden, sondern sie innerhalb einer für den Kunden akzeptablen und für den Betreiber wirtschaftlichen Grenze zu halten. Transparenz ist hierbei entscheidend: Der Kunde muss vor der Buchung über den maximal möglichen Umweg und die voraussichtliche Ankunftszeit informiert werden.

Die Optimierung der Routen ist die Grundlage. Doch um diese Balance zu meistern, ist es unerlässlich, die Prinzipien der dynamischen Routenplanung genau zu verstehen.

PBefG-Novelle oder freier Markt: Wie schützen Sie das Taxigewerbe vor Dumping?

Die Einführung neuer Mobilitätsdienste wie Ride-Pooling wirft unweigerlich die Frage nach der regulatorischen Einordnung und dem Schutz etablierter Verkehrsträger auf. In Deutschland bildet die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) von 2021 den entscheidenden Rahmen. Statt eines unregulierten „freien Marktes“ hat der Gesetzgeber einen spezifischen regulatorischen Korridor geschaffen, der Innovation ermöglichen und gleichzeitig faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen soll. Für Planer ist das Verständnis dieses Korridors entscheidend, um rechtssichere und nachhaltige Dienste zu konzipieren.

MOIA hebt die Bedeutung dieser Gesetzesänderung für die Branche hervor:

Im August 2021 trat die Reform des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) der damaligen Bundesregierung in Kraft. Damit hat Deutschland eine rechtliche Grundlage für On-Demand-Pooling-Verkehre geschaffen und eine Vorreiterrolle übernommen. Zentral sind dabei die neuen Paragraphen 44 und 50 des PBefG. Diese definieren, was ein ‚Linienbedarfsverkehr‘ und ‚gebündelter Bedarfsverkehr‘ sind und unter welchen Bedingungen sie betrieben werden dürfen.

– MOIA, MOIA Blog – Ridepooling: What is it and how does it work?

Diese neuen Verkehrsformen dürfen nicht einfach wie Taxis agieren. Sie sind in der Regel in den öffentlichen Nahverkehr integriert, müssen bestimmte soziale und ökologische Standards erfüllen und dürfen das bestehende ÖPNV-Angebot nicht kannibalisieren. Die Genehmigungsbehörden haben die Aufgabe, darauf zu achten, dass Ride-Pooling-Dienste eine komplementäre Funktion erfüllen – also dort eingesetzt werden, wo der klassische ÖPNV an seine Grenzen stösst (z. B. in der ersten/letzten Meile, in Schwachlastzeiten oder in Gebieten mit geringer Dichte). Der Schutz des Taxigewerbes vor Dumpingpreisen wird dadurch gewährleistet, dass die neuen Dienste nicht die Rosinenpicken betreiben, sondern einen klaren öffentlichen Auftrag verfolgen.

Für Planer bedeutet dies, dass die Konzeption eines Ride-Pooling-Dienstes immer in enger Abstimmung mit den lokalen Genehmigungsbehörden und im Einklang mit den Zielen des Nahverkehrsplans erfolgen muss. Statt einer Konfrontation mit dem Taxigewerbe sollte eine Koexistenz angestrebt werden, bei der jeder Verkehrsträger seine spezifische Rolle im Mobilitätsmix der Stadt einnimmt. Der regulatorische Rahmen ist somit kein Hindernis, sondern ein Gestaltungsinstrument für eine integrierte und faire Mobilitätslandschaft.

Ein tiefgehendes Verständnis für den rechtlichen Rahmen des PBefG ist somit die Voraussetzung für jede erfolgreiche Implementierung.

Poolen oder alleine fahren: Was wählen Frauen nachts für den Heimweg?

Die Entscheidung für oder gegen eine geteilte Fahrt wird nicht nur von Preis und Zeitersparnis bestimmt. Insbesondere bei Nachtfahrten spielt die wahrgenommene Sicherheit eine entscheidende Rolle, vor allem für Frauen. Die Vorstellung, mit fremden Personen in einem Fahrzeug zu sitzen, kann Unbehagen auslösen und dazu führen, dass potenzielle Nutzerinnen trotz höherer Kosten ein klassisches Taxi oder den eigenen PKW bevorzugen. Die Nichtbeachtung dieses Faktors ist ein gravierender strategischer Fehler, der einen erheblichen Teil des potenziellen Marktes ausschliesst.

Ein rentabler Ride-Pooling-Dienst muss daher proaktiv Vertrauen schaffen und die subjektive Sicherheit erhöhen. Es reicht nicht aus, nur auf die objektive Sicherheit durch qualifizierte Fahrer und technisch einwandfreie Fahrzeuge zu verweisen. Vielmehr müssen Features implementiert werden, die dem Nutzer ein Gefühl der Kontrolle und des Schutzes vermitteln. Die Diskussion um solche Sicherheitskonzepte ist in vollem Gange, wie das Wuppertal Institut bestätigt, wonach spezielle Sicherheitskonzepte für Frauen entwickelt werden, einschliesslich sogenannter Women-only-Optionen.

Für Mobilitätsanbieter bedeutet dies, dass Investitionen in Sicherheitsfeatures keine optionalen Extras, sondern Kernbestandteile des Service-Designs sind. Transparenz über Mitfahrer, gut beleuchtete Haltepunkte und klare Notfalloptionen sind essenziell. Die folgende Checkliste fasst die wichtigsten Massnahmen zusammen, um die Sicherheit und damit die Attraktivität des Dienstes für alle Nutzergruppen zu erhöhen.

Checkliste zur Erhöhung der subjektiven Sicherheit

  1. Punkte der Transparenz: Implementieren Sie eine transparente Anzeige von anonymisierten Mitfahrer-Profilen (z.B. Anzahl, Geschlecht) vor der finalen Buchung.
  2. Umgebungs-Audit: Erstellen Sie einen Katalog sicherer, gut beleuchteter und idealerweise videoüberwachter virtueller Haltepunkte im gesamten Bediengebiet.
  3. Fahrerqualifikation: Stellen Sie sicher, dass alle Fahrer nicht nur einen Personenbeförderungsschein besitzen, sondern auch regelmässige Sicherheitsschulungen und Deeskalationstrainings durchlaufen.
  4. Spezialoptionen prüfen: Analysieren Sie die Nachfrage für und die technische Umsetzbarkeit von optionalen „Women-only“-Pooling-Fahrten, besonders in den Abend- und Nachtstunden.
  5. Technisches Sicherheitsnetz: Integrieren Sie eine Notfall-Funktion („Panic Button“) und eine Echtzeit-Tracking-Funktion mit Freigabeoption für Freunde oder Familie direkt in die App.

Indem Planer und Betreiber das Thema Sicherheit von Anfang an priorisieren, wandeln sie eine potenzielle Hürde in einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil um. Ein Dienst, der als sicher wahrgenommen wird, erschliesst sich eine breitere und loyalere Nutzerbasis.

Die Implementierung dieser Massnahmen ist ein wichtiger Schritt, um das Vertrauen der Fahrgäste zu gewinnen und die Nutzung zu steigern.

Der Fehler, den Preis zu nah am Taxi und zu fern vom Bus anzusetzen

Die Preisgestaltung ist wohl der heikelste Aspekt bei der Einführung eines Ride-Pooling-Dienstes. Ein fundamentaler strategischer Fehler ist die Positionierung in der sogenannten Preiselastizitäts-Falle: Der Preis ist zu hoch, um preissensible ÖPNV-Nutzer zum Umstieg zu bewegen, aber der Service (inklusive Umwege und Wartezeiten) ist nicht exklusiv genug, um komfortorientierte Taxi-Kunden dauerhaft zu überzeugen. Das Ergebnis ist ein Dienst, der zwischen den Stühlen sitzt und keine der beiden Zielgruppen wirklich für sich gewinnen kann, was unweigerlich zu mangelnder Auslastung und fehlender Rentabilität führt.

Die Betriebskosten für einen Ride-Pooling-Dienst sind erheblich höher als die eines Linienbusses, was durch Personal, Fahrzeugflotte und technologische Plattform bedingt ist. Ein Preis auf ÖPNV-Niveau ist daher ohne massive Subventionen nicht darstellbar. Eine Analyse zeigt die Preisherausforderung deutlich auf, indem sie die mangelnde Rentabilität vieler Anbieter als Hauptgrund für deren Scheitern in Deutschland identifiziert. Die Einnahmen konnten die hohen Betriebskosten oft nicht decken.

Die Lösung liegt in einer klaren strategischen Positionierung. Der Dienst muss einen spezifischen Mehrwert bieten, der einen Preis rechtfertigt, der spürbar über dem ÖPNV-Ticket, aber deutlich unter einer Taxifahrt liegt. Dieser Mehrwert kann in der Erschliessung von Gebieten ohne ÖPNV-Anbindung, im Angebot zu Tageszeiten ohne Linienverkehr oder im signifikant höheren Komfort im Vergleich zum Bus liegen. Die folgende Tabelle verdeutlicht die typische Positionierung im Mobilitätsmarkt:

Preis- und Komfort-Vergleich verschiedener Mobilitätsoptionen
Verkehrsmittel Durchschnittspreis (5 km) Komfort Flexibilität
ÖPNV 2-3 € Mittel Niedrig
Ride-Pooling 8-12 € Hoch Mittel
Taxi 15-20 € Sehr hoch Sehr hoch

Für Planer bedeutet das, nicht den einen perfekten Preis zu suchen, sondern ein Preis-Leistungs-Verhältnis zu definieren, das auf eine klar umrissene Zielgruppe und einen spezifischen Anwendungsfall zugeschnitten ist. Dynamische Preisgestaltung, die sich an Nachfrage und Tageszeit orientiert, kann ein weiteres Instrument sein, um die Auslastung zu optimieren und die Wirtschaftlichkeit zu sichern.

Die richtige Preisstrategie ist ein Balanceakt. Um die optimale Preispositionierung zu finden, müssen Markt und Kosten genau analysiert werden.

Wann müssen Sie Fahrzeuge umrüsten, um Rollstuhlfahrer mitzunehmen?

Barrierefreiheit ist kein Nischenthema, sondern eine gesetzliche Verpflichtung und ein ethisches Gebot für jeden öffentlich zugänglichen Verkehrsdienst. Für Ride-Pooling-Anbieter, die oft als Teil des öffentlichen Nahverkehrs agieren, ist die Beförderung von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, insbesondere von Rollstuhlfahrern, eine zentrale Anforderung. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie die Fahrzeugflotte entsprechend umgerüstet werden muss. Eine frühzeitige Integration von barrierefreien Fahrzeugen ist nicht nur eine Frage der Inklusion, sondern auch ein strategischer Schritt zur Erschliessung einer wichtigen Nutzergruppe.

Die gesetzlichen Vorgaben, insbesondere aus dem PBefG und den jeweiligen Landesgesetzen, geben den Rahmen vor. Oft wird eine bestimmte Quote an barrierefreien Fahrzeugen in der Flotte gefordert. Diese Fahrzeuge benötigen spezielle Umbauten wie Rampen oder Liftsysteme sowie sichere Befestigungsmöglichkeiten für Rollstühle im Innenraum. Das Beispiel von MOIA in Hamburg zeigt, wie diese Integration in der Praxis aussehen kann.

Seit diesem Jahr gibt es zwei Verbesserungen in Sachen Barrierefreiheit: MOIA ist jetzt offiziell Teil des ÖPNV. Menschen mit einem Schwerbehinderten-Ausweis und gültiger Wertmarke können somit die kostenfreie Nutzung von MOIA beantragen. Zudem können seit Januar 2023 auch Rollstuhlfahrer*innen mit MOIA fahren. Die Flotte wurde um 15 rollstuhlgerechte Fahrzeuge erweitert.

– Aktion Mensch, Barrierefreies Ride-Pooling mit MOIA

Für Planer und Betreiber bedeutet dies, die Kosten für die Umrüstung und den Betrieb dieser Spezialfahrzeuge von Anfang an in die Geschäftsplanung einzubeziehen. Die operative Herausforderung besteht darin, diese Fahrzeuge effizient zu disponieren. Da die Nachfrage nach barrierefreien Fahrten unregelmässiger sein kann, müssen die Algorithmen in der Lage sein, diese Anfragen priorisiert zu behandeln und die Fahrzeuge intelligent im Bediengebiet zu positionieren, um die Wartezeiten für alle Nutzer gering zu halten. Eine erfolgreiche Implementierung macht den Dienst für alle zugänglich und stärkt seine Position als integraler und verantwortungsbewusster Teil des öffentlichen Verkehrs.

Die Bereitstellung barrierefreier Fahrzeuge ist ein Muss. Es ist entscheidend, die Anforderungen an eine inklusive Flotte frühzeitig zu planen.

Wann lohnt sich der 10-Minuten-Takt wirtschaftlich gegenüber dem 20-Minuten-Takt?

Die Taktfrequenz ist ein weiterer entscheidender Hebel im Service-Level-Dilemma. Ein 10-Minuten-Takt signalisiert hohe Verfügbarkeit und reduziert die Wartezeiten für die Fahrgäste erheblich, was die Attraktivität des Dienstes steigert. Ein 20-Minuten-Takt hingegen ist betrieblich deutlich günstiger, da weniger Fahrzeuge und Personal benötigt werden, um das Bediengebiet abzudecken. Die Entscheidung zwischen diesen Optionen ist eine klassische wirtschaftliche Abwägung zwischen Servicequalität und Betriebskosten. Die Frage ist: Generiert die höhere Taktfrequenz genügend zusätzliche Nachfrage, um die höheren Kosten zu rechtfertigen?

Die Antwort hängt stark von der Nachfragedichte und der Preissensibilität der Nutzer ab. In dicht besiedelten Gebieten oder zu Stosszeiten kann ein 10-Minuten-Takt zu einer signifikant besseren Auslastung der Fahrzeuge führen, da die Bündelungseffizienz steigt. Die höhere Fahrzeugdichte kann sogar zu kürzeren Umwegen führen. In dünn besiedelten Gebieten oder zu Schwachlastzeiten hingegen würde ein 10-Minuten-Takt wahrscheinlich zu vielen Leerfahrten und damit zu untragbaren Kosten führen. Hier ist ein 20-Minuten-Takt oder sogar ein rein bedarfsgesteuerter Betrieb ohne festen Takt die wirtschaftlich vernünftigere Wahl.

Die grösste finanzielle Hürde bei der Taktverdichtung sind die Personalkosten. Das Wuppertal Institut analysiert, dass die Systemkosten derzeit grösstenteils durch das Fahrpersonal entstehen. Jedes zusätzliche Fahrzeug in der Flotte, das für einen dichteren Takt benötigt wird, bedeutet einen weiteren Fahrer, dessen Lohn den grössten Teil der Betriebskosten ausmacht. Eine wirtschaftliche Rechtfertigung für einen 10-Minuten-Takt ist daher am ehesten gegeben, wenn:

  • die Nachfrage so hoch ist, dass die zusätzlichen Fahrten eine hohe Auslastung garantieren,
  • der Dienst eine Premium-Positionierung hat, bei der Kunden bereit sind, für kürzere Wartezeiten mehr zu zahlen,
  • technologische Fortschritte wie das autonome Fahren in Zukunft die Personalkosten drastisch reduzieren.

Für Planer bedeutet dies, dass die Taktfrequenz kein statischer Wert sein sollte. Eine dynamische Anpassung des Taktes an die tageszeit- und ortsabhängige Nachfrage ist der Schlüssel zur wirtschaftlichen Optimierung des Betriebs.

Die Wahl der Taktfrequenz beeinflusst direkt die Rentabilität. Eine detaillierte Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen verschiedener Taktungen ist für den Erfolg unerlässlich.

Warum ersetzt der Rufbus den starren Fahrplan am Sonntagabend?

Der klassische Linienbus mit starrem Fahrplan stösst in bestimmten Szenarien an seine wirtschaftlichen und praktischen Grenzen. Besonders deutlich wird dies in Zeiten und Gebieten mit geringer Nachfrage, wie zum Beispiel an einem Sonntagabend in einer Vorstadt oder in ländlichen Regionen. Hier fahren Busse oft leer oder mit nur wenigen Fahrgästen, was ökologisch ineffizient und ökonomisch ein Verlustgeschäft ist. Genau für diese Anwendungsfälle wurden flexible Bedienformen wie der Rufbus oder moderne Ride-Pooling-Dienste als Ergänzung zum ÖPNV konzipiert.

Die Herausforderungen für den ÖPNV in ländlichen Gebieten sind seit Jahren bekannt. Wie der VDV berichtet, sind die Herausforderungen vielfältig: Bevölkerungsrückgang und demografischer Wandel führen zu sinkenden Fahrgastzahlen, sodass Verkehrsunternehmen oft nur noch mit hohen Zuschüssen ein Grundangebot aufrechterhalten können. Ein starrer Fahrplan kann diese Grundversorgung sichern, aber er kann nicht flexibel auf die tatsächliche, oft sporadische Nachfrage reagieren. Der Rufbus, als Vorläufer des app-basierten On-Demand-Verkehrs, war die erste Antwort auf dieses Problem: Er fährt nur, wenn eine Fahrt im Voraus gebucht wurde.

Moderne On-Demand-Dienste digitalisieren und optimieren dieses Prinzip. Sie ersetzen den starren Fahrplan am Sonntagabend, weil sie mehrere Vorteile kombinieren:

  • Bedarfsorientierung: Es wird nur dann eine Fahrt durchgeführt, wenn auch ein realer Bedarf besteht. Dies vermeidet kostspielige Leerfahrten.
  • Effizienz: Durch die Bündelung mehrerer Anfragen auf einer Route kann ein Fahrzeug mehrere Personen bedienen, was die Effizienz im Vergleich zu Einzelfahrten erhöht.
  • Flächenabdeckung: Im Gegensatz zur festen Linienführung eines Busses können On-Demand-Dienste ein ganzes Gebiet abdecken und so eine feinere Erschliessung (erste/letzte Meile) gewährleisten.
  • Verbesserte Nutzererfahrung: Die Buchung per App und die Abholung an einem nahegelegenen virtuellen Haltepunkt sind komfortabler als der Weg zur weit entfernten Bushaltestelle.

Der Ersatz des starren Fahrplans durch einen Rufbus oder ein Ride-Pooling-System ist somit kein Zeichen für einen Rückbau des ÖPNV, sondern für dessen intelligente Weiterentwicklung. Es ist die Anerkennung, dass in Schwachlastzeiten ein flexibles, bedarfsgerechtes System dem starren Takt überlegen ist – sowohl wirtschaftlich als auch im Hinblick auf den Nutzen für den Fahrgast.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Rentabilität von Ride-Pooling hängt nicht von der Maximierung der Fahrgastzahlen ab, sondern von der präzisen strategischen Kalibrierung von Preis, Service-Level und Betriebskosten.
  • Ein erfolgreiches Preismodell findet die Nische zwischen dem preissensiblen ÖPNV-Nutzer und dem komfortorientierten Taxi-Kunden, anstatt zu versuchen, beide unzureichend zu bedienen.
  • Der regulatorische Rahmen des PBefG sollte nicht als Hindernis, sondern als aktives Gestaltungsinstrument verstanden werden, um On-Demand-Verkehre als komplementären Teil des ÖPNV zu etablieren.

Wie verhindern wir, dass drei Busse hintereinander fahren und dann 20 Minuten keiner?

Das Phänomen des „Bus Bunching“ oder der Pulkbildung ist ein klassisches Problem im Linienverkehr, das die Zuverlässigkeit und Attraktivität des gesamten Systems untergräbt. Es tritt auf, wenn ein Bus aufgrund von Verkehrsaufkommen oder längeren Haltezeiten Verspätung hat, während der nachfolgende Bus aufholt. Am Ende fahren mehrere Fahrzeuge derselben Linie im Konvoi, gefolgt von einer langen Lücke im Fahrplan. Obwohl dies ein Problem des klassischen Busverkehrs ist, sind die Lösungsansätze direkt auf das Management von Ride-Pooling-Flotten übertragbar. Es geht im Kern um dynamisches Flottenmanagement und die Abkehr von starren Plänen.

Die Ursachen für Bus Bunching sind vielfältig: unvorhergesehenes Verkehrsaufkommen, unterschiedliche Fahrstile, ungleiche Passagierzahlen an Haltestellen oder schlecht geplante Fahrpläne, die keine Pufferzeiten vorsehen. Die Lösung liegt nicht darin, die Fahrer zu mehr Pünktlichkeit zu ermahnen, sondern darin, das System als Ganzes intelligenter und flexibler zu steuern. Moderne Leitstellen-Technologien, die Echtzeit-Daten nutzen, sind hierfür unerlässlich. Sie ermöglichen es, proaktiv einzugreifen, anstatt nur auf Verspätungen zu reagieren.

Die Umstellung von einem starren Fahrplan auf ein „Headway-based“-System, bei dem das Ziel ein konstanter Abstand zwischen den Fahrzeugen ist, ist ein zentraler Lösungsansatz. Dies erfordert eine aktive Steuerung der Flotte in Echtzeit. Die folgenden Massnahmen sind entscheidend, um die Pulkbildung zu verhindern und eine gleichmässige Bedienung sicherzustellen.

Massnahmenplan gegen Fahrzeug-Pulkbildung (Bus Bunching)

  1. Echtzeit-Tracking implementieren: Rüsten Sie alle Fahrzeuge mit GPS aus und visualisieren Sie deren Positionen in einer zentralen Leitstelle, um Abweichungen vom Soll-Abstand sofort zu erkennen.
  2. Dynamische Wartezeiten definieren: Planen Sie an strategischen Punkten der Route (z.B. nach verkehrsreichen Abschnitten) kurze, aber feste Pufferzeiten ein, an denen ein zu schneller Bus warten muss, um den Abstand wiederherzustellen.
  3. Express-Optionen ermöglichen: Weisen Sie einen nachfolgenden Bus an, bestimmte Haltestellen auszulassen (wenn dort keine Fahrgäste warten), um den Abstand zum vorausfahrenden Bus zu vergrössern.
  4. Fahrer zu Abstandsmanagern schulen: Schulen Sie das Fahrpersonal darin, nicht nur auf die eigene Pünktlichkeit, sondern aktiv auf den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu achten und diesen eigenständig zu regulieren.
  5. Von Fahrplan zu Headway wechseln: Stellen Sie den Betrieb strategisch von einem starren, zeitbasierten Fahrplan auf einen abstandsbasierten Betrieb (Headway-Management) um, bei dem das primäre Ziel ein gleichmässiger Fahrzeugfluss ist.

Diese Prinzipien des dynamischen Managements sind die DNA jedes erfolgreichen Ride-Pooling-Dienstes. Indem Planer diese Logik auch auf den regulären Linienverkehr übertragen, können sie die Effizienz und Zuverlässigkeit des gesamten öffentlichen Verkehrsnetzes signifikant verbessern.

Um diese strategischen Hebel in Ihrem Verkehrsgebiet anzuwenden, beginnt der nächste Schritt mit einer detaillierten Analyse der lokalen Nachfrage, der bestehenden Mobilitätslücken und der regulatorischen Möglichkeiten. Nur so kann ein On-Demand-System passgenau konzipiert und rentabel betrieben werden.

Geschrieben von Leonie Klein, Leonie Klein ist Verkehrsingenieurin und Beraterin für Smart City Konzepte mit einem Master der TU Dresden. Sie beschäftigt sich seit über 8 Jahren mit der Integration neuer Mobilitätsformen wie E-Scootern, Carsharing und autonomen Fahrzeugen in den städtischen Raum. Ihr Fokus liegt auf nutzerzentrierten und ökologischen Verkehrslösungen.