Abstrakte Darstellung verschiedener Verkehrsmittel in einem fragmentierten digitalen Netzwerk
Veröffentlicht am Mai 12, 2024

Die Vision einer einzigen Mobilitäts-App scheitert in Deutschland nicht an der Technologie, sondern an ungelösten strategischen Zielkonflikten.

  • Verkehrsbetriebe fürchten die Kannibalisierung ihrer profitablen Tarife und den Verlust der Hoheit über die Kundenschnittstelle.
  • Private Anbieter wie Uber und ÖPNV-Akteure haben konträre Interessen bei der Datenteilung und der Umsatzverteilung.

Empfehlung: Erfolg erfordert eine Plattform-Governance, die den etablierten Akteuren klare, neue Wertversprechen bietet, anstatt nur Kooperation zu fordern.

Die Vision ist verlockend und seit Jahren in aller Munde: das „Netflix für Mobilität“. Eine einzige App, eine einzige Abrechnung, und der Nutzer bewegt sich nahtlos mit Bus, Bahn, E-Scooter, Carsharing-Auto oder Ride-Hailing-Dienst von A nach B. Doch die Realität in Deutschland sieht ernüchternd aus. Statt einer integrierten Lösung jonglieren Nutzer weiterhin mit einer Vielzahl von Apps und die grossen, allumfassenden Mobility-as-a-Service (MaaS)-Plattformen lassen auf sich warten. Oft wird die Schuld bei der technischen Komplexität oder den berühmten „Datensilos“ gesucht.

Diese Erklärung greift jedoch zu kurz. Das Scheitern vieler MaaS-Projekte ist weniger ein technologisches als vielmehr ein strategisches Problem. Die im Titel provokant als „Egoismen“ bezeichneten Verhaltensweisen der Verkehrsbetriebe und anderer Akteure sind bei näherer Betrachtung oft rationale, betriebswirtschaftliche Entscheidungen zum Schutz des eigenen Geschäftsmodells. Der Kern des Problems liegt in einem fundamentalen Zielkonflikt: Echte Integration bedroht die etablierten Einnahmequellen und vor allem die hart erarbeitete Hoheit über die Kundenschnittstelle. Wer den direkten Kontakt zum Kunden kontrolliert, kontrolliert die Daten, das Marketing und letztlich die Wertschöpfung.

Doch was, wenn der Schlüssel nicht in Appellen zur Kooperation liegt, sondern in der Schaffung neuer, unwiderstehlicher Wertversprechen für alle Beteiligten? Dieser Artikel seziert die zentralen Konfliktlinien, die den Erfolg von MaaS-Plattformen in Deutschland verhindern. Wir analysieren die ökonomischen Ängste, die Herausforderungen der Datenteilung und die entscheidenden Faktoren für Kundenbindung, um am Ende strategische Lösungswege aufzuzeigen, die über blosse technische Integration hinausgehen.

Um diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, werden wir die entscheidenden strategischen Fragen beleuchten, die sich jeder Plattform-Anbieter und Verkehrsverbund stellen muss. Der folgende Überblick führt Sie durch die zentralen Konfliktfelder und Lösungsansätze.

Flatrate oder Einzelticket: Was bindet den Kunden langfristig profitabler?

Der Preiskampf ist eines der zentralen Schlachtfelder im MaaS-Universum. Die Idee einer Flatrate, wie sie das Deutschlandticket vormacht, ist für den Kunden extrem attraktiv. Sie verspricht Einfachheit und Kostenkontrolle. Der Erfolg ist unbestreitbar: Aktuelle Zahlen zeigen, dass auch im Jahr 2025 mit einer stabilen Nutzung zu rechnen ist. Diese Einfachheit ist jedoch ein zweischneidiges Schwert für ein offenes MaaS-Ökosystem. Für Verkehrsbetriebe besteht die Sorge, dass eine allumfassende Flatrate die hochprofitablen Einzeltickets oder die teureren Monatskarten für spezifische Zonen kannibalisiert. Dieser Kannibalisierungseffekt ist eine der grössten ökonomischen Hürden.

Für private Anbieter, die in eine MaaS-Plattform integriert werden sollen, stellt sich die Frage noch schärfer. Eine Analyse im Tagesspiegel Background bezeichnet das subventionierte Deutschlandticket treffend als potenziellen „‚Flatrate-Killer‘ für private MaaS-Angebote“. Warum sollte ein Kunde für einen E-Scooter oder ein Carsharing-Fahrzeug extra zahlen, wenn die Fahrt mit dem ÖPNV bereits in der Flatrate inkludiert ist? Eine profitable Kundenbindung erfordert daher ein intelligentes Preismodell, das über eine simple Flatrate hinausgeht. Denkbar sind hybride Modelle: eine Basis-Flatrate für den ÖPNV, ergänzt durch rabattierte Guthabenpakete für flexible Mobilitätsoptionen. Der Schlüssel liegt darin, den Wert jeder einzelnen Fahrt sichtbar zu machen, anstatt alles in einem Einheitspreis zu nivellieren.

Wie bringen Sie Uber und die BVG dazu, ihre Daten zu teilen?

Die nahtlose Reiseplanung in einer MaaS-App ist nur möglich, wenn alle Partner ihre Daten – insbesondere Echtzeit-Standorte von Fahrzeugen und Auslastungsprognosen – über Schnittstellen (APIs) zur Verfügung stellen. Doch genau hier liegt der Kern des strategischen Dilemmas. Für einen etablierten Verkehrsbetrieb wie die BVG bedeutet die Weitergabe von Daten an eine Drittplattform den potenziellen Verlust der direkten Kundenbeziehung. Für einen globalen Plattform-Player wie Uber bedeutet es, wertvolles Wissen über Nachfragemuster mit einem potenziellen Konkurrenten zu teilen. Diese Interessenkonflikte sind der Hauptgrund für die Fragmentierung der Mobilitätslandschaft. So ist die deutsche Verkehrslandschaft geprägt von Dutzenden inkompatiblen Tarifzonen und Systemen, was eine nationale Integration extrem erschwert.

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass dieses Problem lösbar ist, oft jedoch durch regulatorischen Druck. Finnland gilt hier als Vorreiter.

Fallbeispiel: Finnlands regulatorischer Ansatz als Vorbild

In Finnland wurde MaaS Global mit der WHIM-App erfolgreich auf den Markt gebracht, die eine Vielzahl von Mobilitätsmitteln in und um Helsinki bündelt – von öffentlichen Verkehrsmitteln über City-Bikes bis hin zu Mietwagen und Taxis. Der entscheidende Faktor für diesen Erfolg war nicht allein unternehmerischer Wille. Eine Analyse des Fraunhofer-Instituts zeigt, dass die finnische Gesetzgebung die Mobilitätsanbieter dazu verpflichtet, ihre Daten und Schnittstellen für die Integration zu öffnen. Dieser „sanfte Zwang“ schuf die Grundlage für ein funktionierendes Ökosystem, indem er die Datensilos aufbrach und gleiche Wettbewerbsbedingungen schuf.

Für Deutschland bedeutet dies: Ohne einen klaren regulatorischen Rahmen oder eine übergeordnete Plattform-Governance, die faire Regeln für Datennutzung und Umsatzverteilung festlegt, bleibt die freiwillige Kooperation ein Wunschtraum. Eine erfolgreiche MaaS-Plattform muss daher nicht nur eine überlegene Technologie bieten, sondern auch ein überzeugendes Governance-Modell, das allen Partnern klare Vorteile sichert und ihre fundamentalen Geschäftsinteressen schützt.

Firmenwagen oder Mobilitätsbudget: Was wollen junge Arbeitnehmer?

Ein entscheidender Treiber für die Zukunft von MaaS liegt im Unternehmenssektor. Der traditionelle Firmenwagen verliert besonders bei jüngeren, urbanen Fachkräften an Attraktivität. Sie fordern Flexibilität und Nachhaltigkeit, die ein einzelnes Auto nicht bieten kann. Die Alternative lautet Mobilitätsbudget: ein vom Arbeitgeber bereitgestelltes Guthaben, das Mitarbeiter flexibel für verschiedenste Verkehrsmittel nutzen können – vom Bahnticket über Carsharing bis zur Fahrradreparatur. Dieser Trend ist keine Nische mehr. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bereits 28% der deutschen Unternehmen ein Mobilitätsbudget nutzen oder dessen Einführung planen.

Diese Verschiebung der Präferenzen wird durch Daten untermauert. In einer von SAP-Concur zitierten Studie findet der klassische Firmenwagen für 40% der Befragten keine Zustimmung mehr, während rund 50% eine grössere Flexibilität bei der Wahl ihrer Verkehrsmittel bevorzugen. Dieser Wandel im Corporate-Mobility-Markt ist eine immense Chance für MaaS-Plattformen. Sie sind die ideale technische Lösung, um Mobilitätsbudgets einfach und transparent zu verwalten und abzurechnen.

Fallbeispiel: SAP als Vorreiter für das Mobilitätsbudget

SAP, einer der grössten deutschen Konzerne, hat bereits 2023 als einer der ersten das Mobilitätsbudget als Alternative zum Dienstwagen eingeführt. Mitarbeiter können das Budget für eine breite Palette an Dienstleistungen nutzen, darunter Bahn- und Fernverkehr, Mietwagen, Carsharing, E-Roller und sogar die Reparatur des eigenen Fahrrads. Dieses Beispiel zeigt, dass der Bedarf an integrierten, flexiblen Mobilitätslösungen im B2B-Markt real ist und von führenden Unternehmen aktiv vorangetrieben wird.

Für MaaS-Anbieter ist der B2B-Sektor möglicherweise der lukrativste und am einfachsten zu erschliessende Markt. Statt um jeden einzelnen Endkunden kämpfen zu müssen, können sie über Unternehmensverträge Hunderte oder Tausende Nutzer auf einen Schlag gewinnen. Die Frage ist also nicht mehr nur, was der einzelne Pendler will, sondern wie man ein attraktives Angebot für moderne Arbeitgeber schnürt.

Das Risiko, den Nutzer mit 50 Optionen in einer App zu überfordern

Die Idee, alle denkbaren Mobilitätsoptionen in einer einzigen App zu bündeln, klingt zunächst nach dem ultimativen Service. Doch die Realität der User Experience sieht anders aus. Wenn ein Nutzer für eine einfache Fahrt von A nach B mit einer endlosen Liste von E-Scooter-Anbietern, Carsharing-Modellen und Ride-Hailing-Diensten konfrontiert wird, führt das nicht zu Zufriedenheit, sondern zu Entscheidungslähmung (Choice Overload). Die Komplexität, die eine MaaS-Plattform im Hintergrund bewältigt, darf sich niemals 1:1 auf der Benutzeroberfläche widerspiegeln. Schätzungen von MaaS-Unternehmen zufolge können bis zu neun Planungsschritte anfallen, bevor eine einfache Reise gebucht wird – von der Wahl des Verkehrsmittels über die Prüfung der Verfügbarkeit bis zur Bezahlung.

Eine erfolgreiche MaaS-App ist daher kein reines Verzeichnis, sondern ein intelligenter und kuratierter Assistent. Statt 50 Optionen anzuzeigen, sollte die App proaktiv die zwei oder drei sinnvollsten Routen vorschlagen, basierend auf den Präferenzen des Nutzers (z.B. schnellste, günstigste, nachhaltigste), der aktuellen Verkehrslage und dem erlernten Verhalten. Die Kunst besteht darin, die Komplexität im Hintergrund zu managen und dem Nutzer eine radikal vereinfachte Auswahl zu präsentieren. Weniger ist hier oft mehr. Die Plattform muss eine klare redaktionelle und algorithmische Linie fahren, welche Optionen sie wann in den Vordergrund stellt. Die blosse Integration aller verfügbaren Dienste ist nur der erste Schritt; die intelligente Orchestrierung ist der entscheidende zweite.

Wann kündigen Nutzer ihr Mobilitäts-Abo wieder?

Ein Mobilitäts-Abonnement zu verkaufen, ist die eine Sache. Den Kunden langfristig zu halten, eine völlig andere. Die Kündigungsrate (Churn) ist die kritischste Kennzahl für den Erfolg jedes Abo-Modells. Selbst ein hochattraktives und stark subventioniertes Angebot wie das Deutschlandticket ist nicht vor Nutzerschwund gefeit. Daten des VDV zeigen, dass die Nutzerzahl von Dezember 2024 bis Februar 2025 leicht sank, was auf eine ständige Neubewertung des Nutzens durch die Kunden hindeutet.

Was sind also die Hauptgründe für eine Kündigung im MaaS-Kontext? Oft ist es nicht der Preis allein. Viel entscheidender ist die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems. Wenn der gebuchte E-Scooter nicht auffindbar ist, die App im entscheidenden Moment abstürzt oder eine versprochene Verbindung ausfällt, wird das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Eine Branchenanalyse bringt es auf den Punkt:

Ein einziges negatives Erlebnis zerstört das Vertrauen nachhaltiger als ein leicht höherer Preis.

– Branchenanalyse, Analyse der kritischsten Moments of Truth

Der „Moment of Truth“ in der Mobilität ist der Moment, in dem der Nutzer auf den Dienst angewiesen ist. Ein Versagen in dieser Situation wiegt ungleich schwerer als eine kleine Preiserhöhung. Für eine MaaS-Plattform bedeutet dies, dass die Qualitätskontrolle aller integrierten Partner oberste Priorität haben muss. Die Plattform agiert als Generalunternehmer für die Mobilität des Kunden und wird für die Fehler jedes einzelnen Partners mitverantwortlich gemacht. Langfristige Kundenbindung wird nicht durch die Anzahl der Features erreicht, sondern durch die absolute Verlässlichkeit des Kernversprechens: pünktlich und stressfrei von A nach B zu kommen.

Warum brauchen Sie immer noch 5 Apps, um von A nach B zu kommen?

Trotz der jahrelangen Diskussion über MaaS ist die alltägliche Erfahrung für die meisten Menschen in Deutschland immer noch stark fragmentiert. Das Grundproblem, mehrere Apps für eine einzige Reisekette nutzen zu müssen, besteht fort. Dies ist umso paradoxer, als das Angebot an alternativen Mobilitätsdiensten stetig wächst. Anfang 2024 war Carsharing bereits in über 1.285 deutschen Städten und Gemeinden verfügbar. Hinzu kommen unzählige Anbieter von E-Scootern, Leihrädern und Ride-Hailing-Diensten. Die Bausteine für ein integriertes System sind also vorhanden, aber sie sind nicht miteinander verbunden.

Jeder Anbieter optimiert sein System für sich allein und versucht, den Nutzer in seiner eigenen App und seinem eigenen Ökosystem zu halten. Dies führt zu einer ineffizienten und frustrierenden Erfahrung für den Endkunden, der gezwungen ist, als „menschlicher Integrator“ zwischen den verschiedenen Diensten zu agieren. Er muss Preise vergleichen, Verfügbarkeiten prüfen und separate Konten und Zahlungsmethoden verwalten. Dass es auch anders geht, zeigen Leuchtturmprojekte auf lokaler Ebene.

Fallbeispiel: Jelbi in Berlin als lokaler Integrator

Jelbi, die App der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), ist ein Beispiel für eine der leistungsfähigsten MaaS-Lösungen auf dem deutschen Markt. Über die App können Nutzer nicht nur U-Bahn-, Bus- und Bahntickets kaufen, sondern auch Mietautos, E-Roller und Mietfahrräder verschiedener Anbieter direkt buchen und bezahlen. Jelbi zeigt, dass eine tiefe Integration auf lokaler Ebene möglich ist, wenn ein starker Akteur – in diesem Fall die BVG – die Initiative ergreift und eine zentrale Plattform schafft. Das Problem: Dieses Modell ist eine Insellösung und nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragbar. Jede Stadt und jeder Verkehrsverbund kocht sein eigenes Süppchen.

Die Persistenz der „5-App-Realität“ ist also ein direktes Symptom der strategischen Zielkonflikte und der fehlenden übergeordneten Governance. Solange jeder Akteur seine eigene Kundenschnittstelle als wertvollstes Gut verteidigt, wird der Nutzer weiterhin die Lücken im System füllen müssen.

Wie öffnen Sie Ihre Schnittstellen, ohne die Kontrolle über die Kundendaten zu verlieren?

Für Verkehrsbetriebe und etablierte Mobilitätsanbieter ist dies die entscheidende Frage. Die Angst, durch das Öffnen von Programmierschnittstellen (APIs) die Kontrolle über wertvolle Kundendaten und damit die Kundenbeziehung an eine grosse Plattform (wie Google Maps oder eine neue MaaS-App) zu verlieren, ist berechtigt. Ein naiver Ansatz, bei dem einfach alle Daten freigegeben werden, wäre betriebswirtschaftlich fatal. Die Lösung liegt in einer differenzierten und strategischen API-Politik, die den Kontrollverlust minimiert und gleichzeitig neue Erlös- und Erkenntnisquellen schafft.

Anstatt Daten als reinen Kostenfaktor zu sehen, der geschützt werden muss, sollten sie als Asset betrachtet werden, das monetarisiert werden kann. Eine Strategie könnte ein mehrstufiges API-Modell sein. Eine kostenlose Basis-API könnte statische Daten (z.B. Fahrpläne) bereitstellen, um auf möglichst vielen Plattformen sichtbar zu sein. Eine Premium-API könnte gegen Gebühr oder Umsatzbeteiligung Echtzeitdaten und eine tiefe Buchungsintegration ermöglichen. So behält der Anbieter die Kontrolle und wird für die Bereitstellung seiner wertvollen Daten kompensiert. Des Weiteren können Daten in aggregierter und anonymisierter Form geteilt werden, um der Plattform die Optimierung des Gesamtsystems zu ermöglichen, ohne dass sensible Einzelkundendaten preisgegeben werden müssen.

Aktionsplan: Strategische Öffnung Ihrer Schnittstellen

  1. Dateninventur: Identifizieren Sie, welche Daten Sie besitzen (statisch, dynamisch, Kundendaten) und klassifizieren Sie deren strategischen Wert und Sensibilität.
  2. API-Modell definieren: Entwickeln Sie ein mehrstufiges Modell (z.B. Bronze, Silber, Gold) mit klaren Regeln, welche Daten zu welchen kommerziellen Bedingungen (kostenlos, pay-per-use, revenue share) zugänglich sind.
  3. Governance festlegen: Definieren Sie Nutzungsrechte, Datenschutzstandards (DSGVO-konform) und Qualitätsanforderungen (Service Level Agreements) für API-Partner in klaren Verträgen.
  4. Mehrwert schaffen: Fordern Sie im Gegenzug für Ihre Daten ebenfalls Daten vom Plattform-Anbieter an (z.B. aggregierte Nachfragemuster), um Ihr eigenes Angebot zu verbessern.
  5. Pilotprojekt starten: Testen Sie Ihre API-Strategie mit einem vertrauenswürdigen Partner in einem begrenzten Pilotprojekt, um Erfahrungen zu sammeln und das Modell zu validieren, bevor Sie es breit ausrollen.

Der Schlüssel liegt darin, von einer defensiven Schutzhaltung zu einer proaktiven, partnerschaftlichen Vermarktungsstrategie überzugehen. Anstatt zu fragen „Was verliere ich, wenn ich meine Daten teile?“, sollte die Frage lauten: „Was gewinne ich durch eine kontrollierte, strategische Partnerschaft?“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Geschäftsmodell-Konflikte und die Angst vor Kannibalisierung sind die wahre Bremse für MaaS in Deutschland, nicht die Technologie.
  • Der drohende Verlust der Hoheit über die Kundenschnittstelle ist die grösste Sorge der etablierten Verkehrsbetriebe und verhindert eine tiefe Integration.
  • Eine erfolgreiche MaaS-Plattform muss etablierten Partnern einen konkreten Mehrwert bieten, der über eine reine Umsatzbeteiligung hinausgeht (z.B. durch neue Kundengruppen oder operative Daten).

Warum scheitern deutsche Insellösungen gegen integrierte US-Plattform-Ökosysteme?

Die bisherigen Analysen der internen Konflikte in Deutschland führen zu einer ernüchternden globalen Perspektive: Während Deutschland in dutzenden, perfektionierten, aber inkompatiblen „Insellösungen“ denkt, bauen US-amerikanische Tech-Giganten globale, integrierte Plattform-Ökosysteme. Der grundlegende Unterschied liegt in der strategischen Denkweise. Ein deutscher Verkehrsverbund optimiert sein Angebot innerhalb seiner geografischen und regulatorischen Grenzen. Eine Plattform wie Google Maps oder Uber denkt von vornherein global und kundenzentriert, unabhängig von Verbundgrenzen. Ihr Ziel ist es, die eine, unentbehrliche Schnittstelle für den Nutzer zu werden, egal wo auf der Welt er sich befindet.

Diese US-Plattformen haben drei entscheidende Vorteile: Sie besitzen bereits eine massive Nutzerbasis, sie haben eine enorme Kapitalausstattung für aggressive Expansion und vor allem haben sie die Kultur der radikalen Skalierbarkeit verinnerlicht. Während ein deutsches Projekt wie Jelbi in Berlin exzellent funktioniert, ist seine Übertragung auf Hamburg oder München ein komplett neues, komplexes Projekt. Google Maps hingegen integriert einen neuen lokalen Partner mit einem Bruchteil des Aufwands, weil die grundlegende Plattform-Architektur auf globale Skalierung ausgelegt ist. Die deutschen Insellösungen, so gut sie im Detail auch sein mögen, laufen Gefahr, am Ende nur noch als „dumme“ Datenlieferanten für die globalen Super-Plattformen zu agieren, die die lukrative Kundenschnittstelle und die damit verbundene Wertschöpfung für sich beanspruchen.

Das Scheitern ist also vorprogrammiert, wenn die deutschen Akteure nicht lernen, über die eigenen Verbundgrenzen hinaus in grösseren, standardisierten Ökosystemen zu denken. Es bedarf einer nationalen Strategie oder zumindest einer Allianz der starken Player, um eine föderale, aber interoperable Alternative zu schaffen, die den US-Plattformen etwas entgegensetzen kann. Ohne diese Bündelung der Kräfte wird der fragmentierte deutsche Markt eine leichte Beute für die globalen Integratoren.

Die Zukunft der deutschen Mobilität entscheidet sich daran, ob es gelingt, von der Optimierung von Insellösungen zu einer echten Ökosystem-Strategie überzugehen.

Der Aufbau eines erfolgreichen MaaS-Ökosystems ist keine technische, sondern eine strategische Herausforderung. Beginnen Sie jetzt mit der Analyse Ihrer eigenen Zielkonflikte und der Entwicklung eines Wertversprechens, das Partner überzeugt, anstatt sie zu bedrohen, um in diesem globalen Wettbewerb zu bestehen.

Geschrieben von Markus Volz, Markus Volz ist ein erfahrener Startup-Consultant und ehemaliger Investment Manager bei einem führenden Berliner Venture Capital Fonds. Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Gründerszene unterstützt er Startups bei Finanzierungsrunden, Pitch-Deck-Erstellung und strategischem Wachstum. Er kennt die Perspektive der Investoren ebenso gut wie die Herausforderungen der Gründer.